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Von Atomkraftwerken, Japanern und Deutschen

Posted in Politik by raidermxd on March 13, 2011

Wie kaum einem Besitzer eines Radios, Fernsehers, Computers oder Zeitungsabos entgangen sein dürfte, kämpft Japan derzeit darum, die in Folge eines schweren Erdbebens und eines dadurch verursachten Tsunamis außer Kontrolle geratenen Atomreaktoren herunterzukühlen, um Kernschmelzen zu verhindern. Wie ernst die Lage derzeit tatsächlich ist und ob das gelingen wird ist derzeit offen, als letztes Mittel wird jetzt wohl zur Einleitung von mit Borsäure versetztem Meerwasser gegriffen. Ebenfalls unklar ist, in welchem Umfang im Rahmen der Explosion von Fukushima 1 Strahlung ausgetreten ist und wie viele Menschen davon betroffen waren. Auf jeden Fall hat sich die japanische Regierung entschlossen, den Bereich in einem Umkreis von 20km um den Reaktor herum zu evakuieren. Der japanischen Bevölkerung wäre zu wünschen, dass eine atomare Katastrophe vermieden werden kann, zumal die Menschen dort durch die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis wahrlich schon genug gebeutelt sind.

In Deutschland gewinnt währenddessen die Debatte um die Atomenergie und die von der Regierung beschlossene Laufzeitverlängerung wieder an Fahrt, so gab es gestern beispielsweise in Baden-Württemberg eine Demonstration in Form einer Menschenkette mit rund 60000 Teilnehmern. Im Lichte der Ereignisse ließ die Bundeskanzlerin Merkel verlauten, dass die deutschen Atomkraftwerke sicher seien nur um kurze Zeit später eine Überprüfung der Sicherheit der hiesigen Kraftwerke anzuordnen. Was diese Überprüfung ergeben soll weiß wohl nur Frau Merkel selbst, denn die vielfältigen Mängel des deutschen Kraftwerksparks sind hinreichend bekannt und haben die aktuelle Regierung auch nicht daran gehindert, die Laufzeiten für die vorhandenen Anlagen zu verlängern. Die frohe Botschaft des gestrigen Tages ist, dass Bundesumweltminister Röttgen offenbar den Geographieunterricht während seiner Schulzeit nicht geschwänzt hat und daher die Entfernung zwischen Japan und Deutschland kennt, denn er hat die brilliante Aussage gemacht, dass die gegenwärtigen Vorgänge in Japan für Deutschland wohl keine Gefahr darstellten.

Letztlich bleibt festzuhalten, dass hierzulande Erdstöße in der Stärke, wie sie gerade in Japan aufgetreten sind, wohl nicht anstehen. Das ist allerdings auch gut so, denn baulich ist der örtliche Kraftwerkspark auf solche Bedingungen nicht ausgelegt. Abgesehen davon stellt der Betrieb von Atomanlgen auch hierzulande ein Risiko dar, denn neben Naturkatastrophen gibt es natürlich weitere Faktoren, die wie bei jeder anderen Industrieanlage auch, zu Problemen führen können. Dazu gehören neben den oft als Argument herangezogenen Terroranschlägen unter anderem so banale Dinge wie technisches oder menschliches Versagen. Im Lichte der jüngsten Ergeignisse bleibt zu hoffen, dass sich Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern wie z.B. China endlich als lernfähig erweist und der Episode Atomkraft so bald wie möglich ein Ende bereitet. Dies wäre nicht nur aufgrund der Betriebsrisiken angebracht, sondern auch wegen der nach wie vor ungeklärten Frage des Umgangs mit den Abfallprodukten dieser Form der Energiegewinnung.

Update
Angesichts der anstehenden Landtagswahlen hat sich unsere geliebte Regierung entschlossen, die Ende letzten Jahres beschlossene Laufzeitverlängerung für drei Monate auszusetzen. Aus meiner Sicht ist diese Aktion nichts weiter als eine Beruhigungspille in Wahlkampfzeiten, denn offenbar will man die Angriffsfläche für die Opposition reduzieren und sich zeitgleich die Option zur Umsetzung der Laufzeitverlängerung offen halten – nichts hindert Merkel & Co. daran, nach Ablauf des Moratoriums weiterzumachen wie gehabt, zumal ich mir nicht so recht vorstellen kann, was diese Aussetzung der Verlängerung überhaupt konkret bedeuten soll. Sollte es im Zuge dieser Maßnahme zur Abschaltung von einigen älteren Kernkraftwerken kommen und diese Außerbetriebnahme tatsächlich von Dauer sein, dann stellt sich abgesehen davon die spannende Frage, was mit den Restlaufzeiten bzw. -strommengen passiert, die den jetzt möglicherweise auf der Abschussliste zustehenden Anlagen zugebilligt wurden. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Energieversorger diese auf andere Kraftwerke übertragen dürften, so dass unter dem Strich der Betrieb alter Meiler jetzt gegen den Betrieb gealterter Meiler in der Zukunft getauscht würde. Im übrigen ist es unglaubwürdig und geradezu grotesk, dass Merkel, Röttgen und Anhang jetzt plötzlich die Sicherheit der Kraftwerke sowie die Risiken beim Betrieb zur obersten Priorität erheben, während noch vor kürzester Zeit Sicherheitsbedenken kein Thema waren und ökonomische Interessen das politische Handeln bestimmten. Belustigend ist auch, das Röttgen jetzt fordert, eine gesellschaftliche Debatte über das Thema Atomkraft zu führen. Besagte Debatte wird, wie ihm sicherlich nicht entgangen ist, schon seit geraumer Zeit geführt und bis dato war es den Regierungsparteien im Allgemeinen und Herrn Röttgen im Speziellen völlig gleichgültig, dass eine Bevölkerungsmehrheit die Ansichten der gegenwärtigen Regierung in dieser Beziehung nicht teilte. Es bleibt abzuwarten, ob das Wahlvolk auf diese durchsichtigen Manöver hereinfällt.

Update 2
Die Lage in Fukushima hat sich wohl im Laufe der Nacht verschlechtert.

Update 3
Unsere Regierung hat verkündet, dass die sieben alten deutschen Meiler vorübergehend vom Netz genommen werden. Die spannenden Fragen in dem Zusammenhang sind, was nach Ablauf des Moratoriums mit den AKWs passiert und wieso die unbedingt weiterlaufen mussten, wenn wir den dort erzeugten Strom ohnehin nicht brauchen. Die zweite Frage lässt sich direkt beantworten, die Betreiber wollten offenbar nicht auf die Einnahmen aus dem Export von Strom ins benachbarte Ausland verzichten.

Update 4
Laut der Süddeutschen Zeitung soll Bundeswirtschaftsminister Brüderle von der FDP der Atomlobby zu verstehen gegeben haben, dass es sich bei dem AKW-Moratorium nur um Wahlkampftaktik handele. Netterweise wurde von der BDI-Sitzung, bei der Brüderle dies anscheinend von sich gegeben hat, ein Protokoll angefertigt.

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